Talente fallen nicht vom Himmel

Es war im Jänner. Elias (13 Jahre) nimmt seine Eishockeytasche und seine zwei Stöcke, trägt alles in den Keller und zieht somit einen Schlussstrich unter seine neunjährige Eishockeykarriere. Eine traurige Begebenheit für unseren Sport, denn Elias galt als Supertalent. Leider handelt es sich hierbei nicht um einen Einzelfall. Auf alle Fälle ein Anlass,  über „Sporttalente“ und ihren Karriereweg nachzudenken.

Was versteht man unter Talent?
Die Sportwissenschaftler haben es nicht geschafft. Es gibt keine allgemein gültige Definition für das sportliche Talent. Das Talentthema wurde in den letzten Jahren aus vielen Richtungen beleuchtet und erforscht. Die gewonnenen Erkenntnisse deuten eindeutig darauf hin, dass Vererbung – die genetische Prädisposition- nur einen sehr kleinen Anteil ausmacht. Trotzdem spielen die Eltern eine entscheidende Rolle: Sie sind dafür verantwortlich, dass  ihre Kinder von klein auf  die Möglichkeit erhalten ihren Bewegungs- und Spieldrang freien Lauf zu lassen – 20 Stunden pro Woche werden empfohlen, wenn das Kind eine Chance im späteren Leistungssport haben soll.

Der Grundstein für diese koordinativ perfekten Bewegungen wird also schon vor dem Eintritt ins Vereinseishockey gelegt. Nämlich dann, wenn die Eltern dem Kind viele Bewegungserfahrungen ermöglichen. Je komplexer die spätere Sportart (z. B. Eishockey), desto wichtiger sind die frühkindlichen Einheiten. Dabei geht es gar nicht um die Frühspezialisierung, sondern vielmehr um das Erlenen grundlegender Bewegungsarten (laufen, drehen, stoppen, starten, rutschen, gleiten, werfen, fangen, hüpfen, landen, purzeln, kicken, rollen, …..). Hierbei wird die motorische Basis und die Freude am Sport entzündet. Das wirkt wie Doping für die spätere Karriere! Kinder, die das nicht bekommen, können diesen Nachteil nur schwer aufholen.

Wenn man sich Biografien von herausragenden Sportlern (z. B. Gretzky, Crosby, Jordan, Ronaldo u. v. a. …)  anschaut, dann sieht man, dass der überragende sportliche Erfolg die Folge von täglicher, intensiver Beschäftigung mit einer großen Leidenschaft ist. Folgendes Zitat von Lionel Messi beschreibt den Talentbegriff perfekt: „I worked 14 years to become an overnight superstar!“

Ein Talent, einen absoluten Könner beim Sport zu beobachten, ist faszinierend und löst bei vielen Beobachtern Glücksgefühle aus. Vielleicht deshalb, weil zu erkennen ist, wie viel Freude es dem Athleten macht den Sport perfekt auszuüben. Scheinbar mühelos, geschmeidig wie eine Katze Eis zu laufen, die Scheibe sicher zu kontrollieren und ansatzlos zu schießen, Gegenspieler mit Finten einfach zu täuschen – herrlich!

Talent kennt keine Körpergröße. Tyler Ennis, 172 cm. Tor mit Leidenschaft.

Wenn der junge talentierte Sportler plötzlich seine Schuhe an den Nagel hängen will, bricht für alle eine Welt zusammen.

Was sind die Gründe für das Drop-Out von Talenten?
Aber was sind die Beweggründe den Sport an den Nagel zu hängen? Unzählige wissenschaftliche Arbeiten wurden und werden gerade über das Thema verfasst. Hier ein paar (evidence based) Gründe, die derzeit bekannt sind:

  • Mangelndes alters- und leistungsgerechtes Training
    • Unter- oder Überforderung: Zumeist ist das Talent in „seiner“ Altersklasse unterfordert. Der Trainer sollte spezielle Herausforderungen für seinen Spieler finden oder diesen zur nächst höheren Altersklasse promoten.
    • Monotones Training: Nachwuchsspieler (auch die Profis) kommen wegen dem Spiel zum Training. Gute Skillübungen, „game-likes“ und Kleinfeldspiele sind fordernd und machen Spaß. Reines Pylonenfahren war gestern.
    • Zu wenig Bewegungszeit: Die Woche hat 168 Stunden, davon verbringt der Nachwuchsspieler, wenn`s gut geht, 4 Trainingsstunden am Eis. 10 min Netto-Bewegungszeit pro Stunde ist da einfach zu wenig. Zumindest 20 Minuten wären OK.
  • Unter- oder Überforderung im Wettkampf: In aller Kürze die Empfehlung der Topexperten was die Auswahl der Matchgegner betrifft: 25% überlegen 50% ebenbürtig 25% unterlegen
  • Fehlende Perspektiven: Ab der Oberstufe machen sich die jungen Athleten Gedanken, ob Sie ihr Hobby zum Beruf machen können. Geht das? Geht das in Österreich?
  • Suboptimales Umfeld (sinkende intrinsische Motivation): Steht ein Umfeld zur Verfügung, das die intrinsische Motivation fördert?
  • Körperliche Probleme wegen suboptimalem Training
  • Unvereinbarkeit von Sport und Schule: Sicher zwei Sachen in Österreich, die (noch) nicht zusammenpassen. Die tägliche Turnstunde (wir reden nicht über 3 Bewegungsstunden pro Tag) ist nur an wenigen Volksschule üblich. In der Unterstufe sind Sport-Schulkooperationen noch Einzelfälle, in der Oberstufe – in den „Eishockeyakademien“ – wird die Zusammenarbeit von Jahr zu Jahr besser.

Konzepte Vorhanden
In der neu ausgerichteten Trainerausbildung des ÖEHV, die in Kooperation mit der BSPA Wien und dem Olympiastützpunkt Vierumäki (FIN)/ Univ. Haaga Helia durchgeführt wird, werden die Traineraspiranten auf die optimale Betreuung von Talenten vorbereitet. Bahnbrechend ist dabei, dass sich die Position des Trainers entscheidend geändert hat. So ist der Trainer nicht mehr quasi der Dirigent der Mannschaft (coachzentrierter Coach), sondern vielmehr derjenige, der für die Einzelentwicklung jedes Spielers verantwortlich ist (ahtletenzentrierter Coach). Als typische Aufgabe eines zeitgemäßen Trainers gilt das Entwicklungsgespräch mit dem Athleten, das alle 2-3 Monate stattfindet. Dabei berichtet der Spieler über seine Fortschritte und legt die nächsten Ziele in seiner Entwicklung fest (z.B. „möchte meine Defizite im Offensivbereich in der OZ verbessern, schneller Passen“). Diese Entwicklungsgespräche sind bereits in einer U12 möglich. Richtiges Krafttraining für Schnelligkeit und Belastungsverträglichkeit ist selbstverständlich.

Um die Spieler bestmöglich zu fördern macht sich der Trainer Gedanken, welche Inhalte und Themen er bei jeder Einheit forcieren will. Monotone Trainingseinheiten sind natürlich passe`! Optimaler Weise kennt der Trainer auch die schulischen Leistungen seiner Schützlinge! – unlängst war ein Trainer wegen der inferioren Leistung seines Spielers bei dessen Direktor in der Schule. Nachdem er diesem erklärt hatte, dass wegen der Auslandstournee eben wenig Zeit und Energie für die Schule bleibt, bekam der Schüler Bewährung. Einleuchtend, dass diese Rolle des zeitgemäßen Coaches nicht von den (durchwegs) engagierten Trainern eingenommen werden können, die sich täglich um 16.45 in gebückter Haltung heimlich aus dem Büro schleichen (und trotzdem meist ein tolles Training machen).

Auf den Punkt gebracht
Das Talent ist nur im geringen Maß erblich bedingt, sondern wird vielmehr im Laufe der Kindheit erworben. Maßgeblich sind dabei die Eltern, die ihre Kinder entsprechend fördern und ihnen diverse  Bewegungsmöglichkeiten bieten. Im Vereinstraining macht die Arbeit mit Talenten besondere Freude. Gut ausgebildete Trainer fordern und fördern Talente und begleiten sie bis in den Profibereich. Nur vollamtliche Trainer können sich im geforderten Maß mit den Nachwuchssportlern beschäftigen und Konzepte umsetzen.

„Erfolg hat drei Buchstaben: TUN“ – Johann Wolfang von Goethe

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